Sonntag 23 Jul 2017

Gebrüder Stitch

Gerade in Wien angekommen und auf der Suche nach dem ersten Highlight des Tages – sei es einer Sehenswürdigkeit aus dem Reiseführer oder schlicht einer Wiener Melange zum Wachwerden, stolperten wir in eine kleine Passage, unweit der Mariahilfer Straße. Und siehe da! Direkt neben der Haupteinkaufsstraße Wiens lauerte die erste Überraschung: Die Bio-Hosen-Manufaktur der Gebrüder Stitch.

Um ehrlich zu sein, hat mich vor allem das Graffiti des in Wien beheimateten Street Art-Künstlers Nichos der Juke Box CowBros aufmerksam gemacht, das die komplette Wand der Werkstätte einnimmt und gut von außen durch die großen Fenster zu sehen ist. Eigentlich wollte ich nur kurz mal das Werk bewundern und bestenfalls fotografieren – was folgte war eine spontane Werksführung inklusive Prosecco – denn, so habe ich gelernt: „Samstag ist Prosecco-Tag!“

Manufaktur im Herzen Wiens - hier werden die Bio-Jeans, nach eigenen Aussagen "geil u n d mit gutem Karma zu produzieren". Darüberhinaus ziert die Werkstätte eine fette Arbeit des Künstlers Nychos - natürlich mit Jeans!

Manufaktur im Herzen Wiens – hier werden die Bio-Jeans, nach eigenen Aussagen „geil u n d mit gutem Karma zu produzieren“. Darüberhinaus ziert die Werkstätte eine fette Arbeit des Künstlers Nychos – natürlich mit Jeans!

Zusammengefasst und stark vereinfacht: Mike und Moriz – also die Gebrüder Stitch – hatten irgendwann die Idee, coole Jeans bio, ökologisch und organisch herzustellen und erlernten hierfür die hohe Kunst des Hosen-Schneiderns. So kam es also, dass diese Werkshallen mit 8 Arbeitsplätzen und 3 preparierten Waschmaschinen sowie ein Hosenkreisel eingerichtet wurde.

Auch wenn der Verzicht auf nahezu alle Chemikalien und die Berufung auf fairen Handel gerade im Jeans-Bereich schon extravagant genug wäre um erwähnt zu werden – die Hosen – entweder „von der Stange“ (soweit das bei diesen Originalen überhaupt ein zutreffender Begriff ist) oder individuell designt bis zum letzten Hosenknopf und „Arschtascherl“ fallen zusätzlich durch ein Innenfutter im Comic-Style auf.

Was die Brüder zur Umsetzung dieser Idee antrieb ist auf der Homepage wie folgt zu lesen:

„Jeans sind das meistgetragene Kleidungsstück der Welt und ein Multimilliarden-Business. Auf der einen Seite sind da (nicht alle, aber viele) Konzerne, die nur auf den Mammon schielen und nicht alle öko-sozialen Kosten für Gesellschaft und Umwelt in ihre Produkte einpreisen. Auf der anderen Seite gibt es Konsumenten, denen (nicht immer, aber oft) ihr sexy Allerwertester emotional näher ist als Bangladesch und der Aralsee. Das ist sehr menschlich und nachvollziehbar. Es ist komplex und kaum möglich, sich für jedes konsumierte Produkt fundiertes Nachhaltigkeitswissen anzueignen.“ Hier klicken und weiterlesen!

Gebrüder Stitch - genauer: Mike und Moriz, zwei ehemalige Marketing Fuzzis liesen 2009 wegen einer Schnapsidee alles liegen und stehen und lernten innerhalb von sechs Monaten Jeans zu schneidern.

Gebrüder Stitch – genauer: Mike und Moriz, zwei ehemalige Marketing Fuzzis liesen 2009 wegen einer Schnapsidee alles liegen und stehen und lernten innerhalb von sechs Monaten Jeans zu schneidern.

Noch ein paar überzeugende Fakten, die erklären, warum die beiden Brüder mit so viel Herzblut bei der Sache sind:

„Es ist sicher nicht alles schlecht hinter den Konzern-Türen, insgesamt jedenfalls noch viel Luft nach oben. Das sind die nackten Zahlen bei einem jährlichen Marktvolumen von 1,8 Mrd. Jeans (Überschlagsrechnung Gebrüder Stitch Nachhaltigkeitsabteilung):

  • Über 10 Mrd. Liter Frischwasserverbrauch für Baumwollanbau, Färben und Waschungen (über 90 % künstliche Bewässerung der Felder). Das führt zum Aufbrauchen von Wasserreserven, Versalzung und Erosion.
  • 360 Mio Liter toxische Substanzen zum Bleichen im Waschprozess: Oxidationsmittel sind für Arbeiterinnen gesundheitsschädlich und gelangen trotz Kläranlage in die Umwelt.
  • 600 Tonnen künstliche Pestizide beim Baumwollanbau vergiften Arbeiter, Bevölkerung sowie Gewässer und können sogar in Nahrungs- und Futtermitteln nachgewiesen werden.
  • Wegwerfkultur und fehlende Re-use/Recyclingprozesse: Markenkonzerne bringen 2 bis 8 mal jährlich neue Kollektionen auf den Markt. Nur 6,8 % der Konsumenten sagen, dass sie ihre Kleidung “so lange wie möglich tragen“. Weniger als 15 % der Altkleidung landet auf dem 2nd Hand-Markt und 13 % der Altkleider werden stofflich recycelt (Beispiel Deutschland).
  • Fehlende Arbeitsnormen, strukturelle Arbeitslosigkeit für Textilarbeiterinnen in Europa und Löhne unterhalb des Existenzminimums. Allein in Bangladesch arbeiten 3,5 Mio. Menschen in der Textilindustrie und verdienen im Schnitt um 84 % weniger als das Existenzminimum. In Europa erleben wir steigendes Prekariat der Arbeit, insbesondere auch in der Modewelt.“

Diese Zahlen und noch andere Fakten sind HIER nachzulesen.

Direkt in einer kleinen Passage neben der Mariahilfer Staße - schnell zu übersehen, wenn nicht das leuchtende Graffiti durch die großen Fenster schimmern würde... Reinspähen lohnt sich!

Direkt in einer kleinen Passage neben der Mariahilfer Staße – schnell zu übersehen, wenn nicht das leuchtende Graffiti durch die großen Fenster schimmern würde… Reinspähen lohnt sich!

 

Diesem Projekt, mit seiner wunderbaren Vision, die so rotzfrech um die Ecke kommt, kann man nur viel Glück wünschen – auf dass sie sich etablieren und vielleicht noch viele Nachahmer finden, die sich auch auf die Umwelt und faire Arbeitsbedingungen besinnen.

 

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Kontakt:

Mariahifer Straße 101/33a
1060, Wien

Tel: 43 680 1449385
Web: gebruederstitch.at
E-Mail: helloagain@gebruederstitch.com

Öffnungszeiten: DI—SA 13h—18h

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Über den Autor

Historiker & Kunsthistoriker, Kunst-und Kulturmanager, Urbanart-Dokumentator, Online-Reisender

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